Modul D: Verwaltungshandeln in historischer Perspektive: Personal- und Wohlfahrtspolitik im Nationalsozialismus

Georg Erdelbrock/Bernd Schroller

 

Zielgruppen
MitarbeiterInnen des öffentlichen Dienstes, insbesondere VerwaltungsmitarbeiterInnen in Aus- und Fortbildung, Gruppen aus dem Gesundheitsbereich

 

Thema, Fragestellung und ZieleIn diesem Modul werden das berufliche Handeln von Menschen mit Verwaltungsaufgaben während des Nationalsozialismus am Beispiel der Personal- und Wohlfahrtspolitik thematisiert sowie die personellen und strukturellen Kontinuitäten in der öffentlichen Verwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Anhand von Biografien, Gesetzestexten und Aktenvermerken können sich die Seminarteilnehmenden mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Gab es einen bestimmten „Beamtentypus“ im Nationalsozialismus? Wie gelang es, die Beamtenschaft zu einer verlässlichen Stütze des NS-Regimes zu machen? In welchen Bereichen und auf welche Weise war das Verwaltungspersonal in der Fürsorge- und Gesundheitsbehörde an Ausgrenzungsmaßnahmen und Verbrechen beteiligt?

 

Die Teilnehmenden, mit denen die Seminare bislang durchgeführt werden, haben sich in der Regel noch nicht mit der Rolle der Verwaltung im Nationalsozialismus beschäftigt und gehen mehrheitlich davon aus, dass die öffentlichen Verwaltungsorgane bzw. ihre MitarbeiterInnen im Nationalsozialismus unpolitisch waren, lediglich staatliche Regelaufgaben ausführten und sich weder an verbrecherischen Handlungen beteiligten, noch für sie verantwortlich gemacht werden könnten. Doch bereits die Beschäftigung mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (BBG) von April 1933 und seiner Funktion verdeutlicht, dass Entlassungen und Stellenbesetzungen im Nationalsozialismus vor allem den Zweck hatten, politisch unerwünschte Personen aus dem Dienst zu entfernen und Personen, die sich für die nationalsozialistische Ideologie einsetzten, in (leitende) Positionen zu bringen. Auf diese Weise wurde der Verwaltungsapparat zu einem wesentlichen Instrument der nationalsozialistischen Politik transformiert. Da §3 des BBG die gesetzliche Grundlage dafür bildete, Verwaltungsangestellte aus den Behörden zu entfernen, die als Jüdinnen und Juden galten, kann in der Beschäftigung mit dem BBG auch die rassistische Verfolgung im öffentlichen Dienst thematisiert werden.

 

In einem weiteren Teil beschäftigt sich das Seminar am Beispiel des „Pik As“ – der inzwischen ältesten Obdachlosenunterkunft in Deutschland – mit der sozialen Realität der frühen 1930er-Jahre. Welche Auswirkungen hatte die Weltwirtschaftskrise und wie veränderte sich der Umgang mit Armen und Armut seit Beginn des Nationalsozialismus? Das „Pik As“ war seit 1938 direkt der Hamburger Wohlfahrt unterstellt. Von den 300 Personen, die im Juni 1938 in Hamburg während der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ in Vorbeugehaft überführt wurden, kamen mindestens 60 aus der Einrichtung in der Hamburger Neustadt. Eine zentrale Frage lautet, welche Rolle die Hamburger Verwaltung bei der Ausgrenzung, Deportation und Vernichtung von Menschen, die als „asozial“ und „lebensunwert“ etikettiert wurden, spielte.

 

Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Umgang der Hamburger Verwaltung mit Menschen, die als psychisch krank oder körperlich behindert abgestempelt wurden. Anhand von Aktenüberlieferungen aus der Gesundheits- und Fürsorgebehörde können die Teilnehmenden Prozesse der Verfolgung detailliert rekonstruieren. Beispielsweise wird mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die Grundlage für Zwangssterilisationen thematisiert. Die direkte Zusammenarbeit der Hamburger Verwaltung mit der als Sammelstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen vor ihrem Abtransport in Tötungsanstalten fungierenden „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“ markiert den Wechsel von der Ausgrenzungspolitik der 1930er-Jahre zur Vernichtungspolitik der 1940er-Jahre.

 

Die Arbeit mit vier Biografien von Verwaltungsmitarbeitenden bietet darüber hinaus die Möglichkeit, Spielräume im Verwaltungshandeln auszuloten, die Verantwortung des Einzelnen herauszustellen und zu verdeutlichen, dass die Beamtenschaft eine Stütze des NS-Regimes war. Hier enden die historischen Betrachtungen nicht im Jahr 1945. Anhand der ausgewählten Biografien werden die möglichen Karrieren einzelner Beteiligter nach Kriegsende und die westdeutsche Entnazifizierungspraxis thematisiert.